“Aufstieg oder Niedergang” von Bernd F. Schulte
13. Oktober 2008 von forumWie Deutschland auf den Status von 1930 absinkt.
Als dieses Buch im August herauskam, konnte noch nicht erkannt werden, dass es zu einer großen, unmittelbaren Staatskrise, auf Grund ökonomischer Veränderungen, kommen würde. So bietet das Buch von Sch. auch weniger den Blick auf Merkantilismus, Kameralismus und Staats- wie Behördenorganisation im 17./18. Jahrhundert, als Referenzgrößen zu den Zuständen in der BRD heute. Denn um diese geht es dem Autor.
Ob die deutschern “Erfindungen” der Reformation oder des Sozialismus, unser Land war im Gefolge geteilt und verwickelt in blutige Glaubensauseinandersetzungen und soziale Zerreissprozesse. Sch. zeigt auf, wie die Universitas des Mittelalters bis heute nicht wiedererlangt wurde.
Weichenstellungen, wie die am Vorabend der Französischen Revolution oder in der Epoche des Krimkrieges, bedingten die Schwächung Preußens im Jahre 1806, und das Ende des Kaiserreiches 1918. Sch. legt nahe, dass eine Reform, wie zwischen 1807 und 1813, nicht mehr eintrat; so sei es zu dem “Zusammenbruch” 1945 und dem nur teilweisen Wiederaufbau nach 1949 (DDR-BRD) gekommen. Dessen Teilerfolg führte nach 1990 zu Krisenschüben, die bis heute Deutschland geschwächt (einerseits souverän – andererseits ohne ausländische Kapitalhilfe) und unfähig zu tiefgreifender Innovation, zurückgelassen hätten. Was Sch. nicht sagt, was jedoch dahinter steht blleibt, dass Deutschland damit heute in der Lage ist, die Adenauer mit der Ablehnung des Stalinschen Geheimplanes 1952 (geheimer Stalinbrief: Neutralisierung/Wiedervereinigung) vermied. Deutschland wäre auf dem Status von 1930 eingefroren worden; ein Wirtschaftswunder im Westen des Landes nicht möglich geworden. Das ist aber der Status Deutschlands nach der Wiedervereinigung 1990.
Die Schwäche der BRD, so Sch., beeinträchtige auch Europa, dessen Zukunftsfähigkeit er folgerichtig bezweifelt. Es handelt sich um ein Buch, das – bereichtert um Beiträge weiterer anerkannter Wissenschaftler (Moses, Brouceck, Borgert, Otto)- die Deutschen, die sich gern vor unbequemen Einsichten ducken, zu weiterführender Erkenntnis anregen sollte.
Tags: Bankenkrise revisited, Deutsche Historiker im NS-System, Französische Revolution, I. Weltkrieg, II. Weltkrieg, Kriegsbeginn 1939, Preußen 1806, Riezler Tagebuch, Seume, Warschauer Pakt, Wochenblattpartei
07. Dezember 2008 um 16:06
Der letzte Teil der ZDF-Reihe “Wir Deutschen”.
Der letzte Teil dieser Serie, die nur bis 1 9 1 8 (!) reicht, beginnt mit dem Kriegsende. Rückwärts, und das bewußt, da Guido Knopp sonst mit dem Kriegsbeginn 1914 – und der Diskussion um die Kriegsauslösung – hätte beginnen müssen. Um sicher zu gehen, dass nicht zuviel deutlich wird von der Brücke zwischen 1914 und 1939, wird alles auf den armen Wilhelm II. gelastet. Obwohl gerade der, gerade modische Deutsche Kaiser (geb. 1859), nur dadurch bedeutsam ist, dass er aussprach, was er dachte.
Kriegsziele hatten im Ersten Weltkrieg angeblich ausschließlich die Schwerindustrie und die Alldeutschen (wo bleibt das September-Programm?)! Der Leser möge das ZEIT-ARCHIV bemühen und K.H.Janßens Artikel über die Diskussion auf dem Berliner Historikertag 1964 lesen. Bei den Thesen der Ritter, Schieder, Erdmann, Herzfeld sind wir offenbar heute wieder.
Allein Heinrich A. Winkler berührt sanft, dass die Deutschen mit dem Krieg r e c h n e t e n , und zwar dem mit Rußland u n d England – und – FRANKREICH war ja SOWIESO dabei! Der verantwortliche Reichskanzler Bethmann Hollweg wird gerade einmal erwähnt. Der machte die Politik; und die um Wilhelm II. herum. Ein junger Historiker begeht die Torheit zu behaupten, die Staatspräsidenten hätten den Krieg verhindern können (Wilhelm II, Georg v.England, der italienische König, Franz Josef) wenn sie sich gesperrt hätten! O sancta simplicitas!
Derartiges vermeidet dieses Buch. Jeder Anklang an den Helden- oder Siegerunterricht vergangener Tage wird bewußt vermieden. Themen, wie die preußische Niederlage von 1806, werden dort ja übergangen und “besser” die “Reformen” von 1813 vorgeführt. Dabei vereinigt Herr Knopp, der Chefhistoriker des Zweiten Deutschen Fernsehens, Alles, was die deutschen Historiker an staatlich bestallten Exponenten ihrer Zunft zu bieten haben. Alle einig getrimmt auf die übergreifende Linie, deutsche Geschichte im Lichte einer von der Geschichte sonnenbeglänzten Nation zu bieten.